von Martin Spiewak aus:
"DIE ZEIT" (der
Originalartikel ist
hier!)
Viele Eltern sind unsicher, wo sie ihr
Kind am besten einschulen. Meist richten sie sich nach dem »guten Ruf«
einer Schule – der längst veraltet sein kann. Bei der Suche kommt es
darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Zudem helfen immer mehr
Informationsangebote, das Niveau des Unterrichts, das Engagement eines
Lehrerkollegiums oder das soziale Klima einer Schule zu bewerten. Eine
Checkliste:
1. Vertrauen Sie ruhig
Ihrem ersten Eindruck. Wichtiger als die äußere Modernität einer Schule
ist, was sie aus einem Gebäude macht. Sind die Wände lieblos kahl? Sehen
alle Klassenräume normiert aus? Stehen verstaubte Schülerarbeiten in den
Vitrinen, gibt es Spuren von Vandalismus? Welches Bild bieten die
Toiletten?
2. Offenheit ist ein
wichtiger Gradmesser für Qualität. Sie beginnt im Internet: Präsentiert
sich eine Schule allein mit Pflichtinformationen, oder bietet sie einen
lebendigen Eindruck des Schullebens?
3. Ein gutes Zeichen
ist, wenn nicht nur viele Lehrer, sondern auch Väter und Mütter am Tag der
offenen Tür teilnehmen. Befragen Sie sie nach der Alltagswirklichkeit der
stolz präsentierten Highlights. Aber besuchen Sie auch eine beliebige
Unterrichtsstunde an normalen Tagen. Aufschlussreich ist schon, wie der
Rektor auf die Frage nach einer solchen Visite reagiert.
4. In fast allen
Bundesländern müssen Lehrer ein Schulprogramm veröffentlichen. Welche
Inhalte stehen im Vordergrund? Lernen Kinder mit Wochenplänen, in
Projekten? Wie werden schwache Schüler gefördert, besonders begabte
gefordert? Achten Sie auf pädagogische Schwerpunkte wie Musik,
Zweisprachigkeit oder Theater. Aber vor allem auf konkrete
Selbstverpflichtungen statt leerer Absichtserklärungen.
5. Gute Schulen nehmen
die Eltern ernst. Gibt es einen regelmäßigen Elternbrief? Wie häufig
stellen sich Lehrer einem Entwicklungsgespräch über den Lernerfolg des
Kindes? Engagierte Schulleitungen laden zur Mitwirkung ein, auch über den
selbst gebackenen Kuchen für das Schulfest hinaus. Manche schließen
Verträge ab, mit konkreten Verpflichtungen für Eltern und Lehrer. Fragen
Sie Elternsprecher und andere Mütter und Väter nach ihren Erfahrungen.
Auch nach jenen mit einzelnen Lehrern, denn darüber verraten
Schulleitungen meist nichts.
6. Fragen Sie nach
konkreten Problemen. Gute Schulen leugnen nicht, wenn es Schwierigkeiten
gibt; sie machen auch nicht andere dafür verantwortlich, die Verwaltung
oder den Minister. Sie suchen selbst Lösungswege für Unterrichtsausfall,
Sprachdefizite bei Migranten oder einen Mangel an Disziplin. Fragen Sie
auch nach der Lernbereitschaft eines Kollegiums: Wie steht die Schule zu
Reformen? Wann gab es die letzte Fortbildung?
7. Gute Schulen öffnen
sich nach außen und suchen Partner: andere Bildungseinrichtungen, aber
auch Sportvereine oder Musikschulen. Das ist besonders wichtig, wenn auf
Ganztagsbetrieb umgestellt wird. Dann sollten Sie auch klären: Verändern
die Lehrer den Ablauf, »rhythmisieren« sie den Tag zwischen Fachunterricht
und freien Phasen? Oder hängen sie bloß Spiel und Hausaufgaben an den
normalen Schultag dran?
8. Die Partner sind gute
Informationsquellen. Gymnasien zum Beispiel kennen das Lernniveau der
Grundschulen ihres Einzugsgebietes genau; manch gutes Zeugnis in den
ersten vier Jahren entpuppt sich auf der weiterführenden Schule als
Resultat niedriger Ansprüche. Oder Betriebe wissen, mit welchen
Fähigkeiten die Real- und Hauptschüler eine Schule verlassen.
9. Auch die
Bildungsministerien bringen Licht ins pädagogische Dunkel. Sachsen hat als
erstes Bundesland ein zentrales Internetportal eingerichtet mit Porträts
aller Schulen und Leistungsdaten, vom Durchschnitt beim Abitur bis zur
Quote der Sitzenbleiber (www.sachsen-macht-schule.de).
10. Aufschlussreich sind die Resultate von
Vergleichsarbeiten. Bei der großen Vera-Untersuchung testeten die
Schulverwaltungen zum Beispiel die Mathematik- und Deutschkenntnisse
sämtlicher Viertklässler. Damit liegt das Lernniveau jeder Schule in
diesen Fächern offen und kann mit Nachbarschulen verglichen werden. Das
Gleiche gilt für den »Schul-TÜV«: In immer mehr Bundesländern gehen
Inspektoren oder Evaluatoren um. Noch müssen die Schulen diese Studien
nicht veröffentlichen. Niemand kann jedoch Eltern daran hindern, danach zu
fragen – und eine gute Schule wird sie nicht verstecken.
Martin Spiewak