Gewalt in der Schule?
Alle reden von Gewalt an Schulen und auch wir sind da
sehr sensibel. Für unser Gefühl allzu schnell greifen Kinder und Jugendliche in
Auseinandersetzungen zu körperlichen Mitteln. Angeblich bloß aus Spaß werden
Mitschüler gezwickt, geschlagen und getreten oder ein verbales Anmachen wird
sofort mit Körpereinsatz beantwortet.
In den seltensten Fällen haben
die Täter dabei das geringste Schuldbewusstsein! Im Gegenteil: Ihnen erscheint
ihr Verhalten als die einzige Chance, im System Schule (Bus, Nachbarschaft,
Stadtteil, Dorf ...) zu überleben, und kaum
jemand erkennt, dass sich hier eine Spirale von Gewalt entwickelt, die am Ende
nur allen schaden kann und ein sinnvolles Zusammenleben und -arbeiten verhindert.
Natürlich
versuchen wir, in unserer täglichen Arbeit diese Zusammenhänge klar zu machen
und den Kindern die Problematik ihres Verhaltens nahe zu bringen. Aber
durchgreifende Erfolge stellen sich nicht über Nacht ein.
Das
liegt auch an der ganz unterschiedlichen Wahrnehmung von Gewalt, die wir bei
Schülern immer wieder beobachten. Während für uns Lehrer hier massiv Grenzen überschritten
werden, fühlen sich viele Heranwachsende, die körperliche Gewalt in
Auseinandersetzungen einsetzen, völlig im Recht. Schließlich hat der Andere
sie ja beleidigt, angemacht, verspottet, lächerlich gemacht ...
Das
eigentliche Problem liegt nach unserer täglichen Erfahrung jedoch viel tiefer:
einer sehr großen Mehrheit der Kinder geht schon weit im Vorfeld körperlicher
Gewalt jedes Gefühl dafür ab, was in einer Gruppe von Menschen möglich und
erlaubt ist und was nicht.
So
wie Kevin zu Hause den Mittagstisch verlässt, wenn ihm danach ist, so
steht er im Unterricht auf, ohne zu fragen – stört dabei aber 27 andere
Schüler und den Unterrichtsablauf.
So
wie zu Hause alle einfach hinnehmen, dass Beritan ungefragt Gespräche unterbricht
und grundsätzlich immer sofort „dran“ ist, so quatscht sie auch in der
Klasse ohne Rücksicht auf andere hemmungslos dazwischen oder unterhält sich
mit ihrer Nachbarin, weil ihr eben danach ist und weil ihr noch nie jemand
gesagt hat, dass andere auch gleiche Rechte auf Gehör und Teilhabe besitzen wie
sie.
Und
so ließen sich weitere Beispiele finden – die unsäglichen Kraftausdrücke,
die man offenbar ungestraft auch gegen Erwachsene benutzen darf; die fehlende Rücksichtnahme
auf fremdes Eigentum und der Verzicht auf menschliche Umgangsformen im täglichen
Miteinander. (Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass selbst Ihnen bekannte
Kinder heutzutage in der Regel nicht mehr grüßen, sondern lieber weggucken?
Dass Jungs überall „hinrotzen“? Dass ...)
Wir
wollen keine Klage erheben über die Schlechtigkeit der Welt –
aber dieses Verhalten ist in Gruppen (Klassen) sehr störend und es
verhindert vor allem sehr oft geordneten Unterricht – mit allen negativen Folgen für
die Lebenschancen auch Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes! Schule allein ist hier überfordert, denn
bei aller Pflicht zur Erziehungsarbeit – solch grundlegende Verhaltensweisen müssen
wir von Schülerinnen und Schülern einfach erwarten können und hier sind
Eltern in der Pflicht.
Dafür möchten wir Sie als Eltern gern sensibilisieren.
Wir möchten aber auch dies
klarstellen: wer vorsätzlich gegen die Schulordnung verstößt, fremdes
Eigentum beschädigt oder zerstört und vor allem, wer Mitschüler verletzt oder
gefährdet, muss mit Konsequenzen rechnen. Und wenn ein intensives Gespräch und
eine Mitteilung an die Eltern nicht ausreichen, sich in Zukunft anders zu
verhalten, werden wir den Betreffenden zeitweise vom Unterricht ausschließen.
Die Interessen der Mehrheit, die sich an die Regeln hält, müssen in einem
solchen Fall ganz klar Vorrang haben.
Noch
ein letzter Gedanke zu diesem Thema: die größten Probleme haben wir mit Schülerinnen
und Schülern, die sich an keine Regel halten, weil „Schule blöd ist“, weil
„die Lehrer sowieso keine Ahnung haben“ und weil „die Wilhelm-Raabe-Schule
überhaupt das Letzte ist“. Gegen eine solche Grundeinstellung helfen selbst
gute Argumente herzlich wenig. Aus vielen Gesprächen wissen wir, dass Kinder
hier unüberlegt eine Meinung wiedergeben, die sie von ihren Eltern so gehört
haben und deren Bedeutung sie in der Regel nicht richtig einschätzen können.
Daher unsere ganz herzliche Bitte: Wie groß auch immer Ihre – vielleicht
sogar aus eigener Erfahrung teilweise berechtigte – Kritik an Schule, Lehrern und
speziell unserer Schule auch sein mag: äußern sie diese Kritik in Gesprächen mit
uns, aber reden sie nicht mit Ihrem Kind darüber. Geben Sie ihm die Chance,
seine eigenen Erfahrungen zu machen und lassen sie es nicht Ihre Konflikte
stellvertretend für Sie austragen. Für den Schulerfolg Ihres Kindes kann eine
solche Einstellung mit der damit einher gehenden Verweigerungshaltung nur schädlich
sein!
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