Historische Presseartikel
„Das waren Zeiten“ – Büffeln zwischen Bomben
und Baracken
Hameln
(ll). So manch erheiternde Anekdote aus ihrer Schulzeit hatten sie sich zu erzählen:
50 Jahre nach ihrer Schulentlassung feierten die ehemaligen Schülerinnen und
Schüler der Hamelner Mittelschule anlässlich der 125-Jahr-Feier ihrer
„Penne“ im TC-Heim fröhliches Wiedersehen.
„Weißt Du noch, damals?“: Bei den
„Ehemaligen“ wurden Erinnerungen wach.
Damals, als die Mutter der Hamelner Realschulen –
die Wilhelm-Raabe-Schule – noch „Städtische Knaben- und Mädchen-Mittelschule“
hieß, gab es aber trotz vieler netter und schöner Erinnerungen von heute nicht
nur Erlebnisse zum Lachen. Geprägt durch die Kriegsjahre hatten die 40 Jungen
und 60 Mädchen – sie waren noch in den Klassen geschlechtlich getrennt –
eine sowohl bewegte als auch bewegende Schulzeit. So standen zahlreiche
Schulausfälle wegen drohender Bombenangriffe auf der Tagesordnung. Als der
Schulbetrieb fast gänzlich eingestellt wurde, da die Lehranstalt in der Lohstraße
zu einem Kriegslazarett umfunktioniert worden war, fand der Unterricht an
wechselnden Standorten im Hamelner Stadtgebiet, zumeist in Baracken, statt.
Nachdem dann 1945 zum Kriegsende hin die Schule für fast sechs Monate vollends
ausgefallen, die Schülerinnen und Schüler zu öffentlichen Arbeiten
herangezogen worden waren, ergab sich der neueröffnete Schulunterricht nach
Kriegsschluss trotz fehlender Lehrer, angewachsener Klassen und unzureichender
Lehrmitteln doch gerade zu einer Wohltat. Günther Hoppert, einer der
Organisatoren des Wiedersehentreffens, betonte, dass Not erfinderisch mache. Das
tägliche Improvisieren hätte im wahren Sinne des Wortes zu einer
Lebensschulung beigetragen. Laut Hoppert war es übrigens sehr aufwendig und mit
vielen Mühen verbunden, alle Schülerinnen und Schüler nach einem halben
Jahrhundert wieder aufzufinden. Denn mittlerweile erstrecken sich die Wohnorte
der früheren Schulfreunde auf das gesamte Bundesgebiet; einige reisten selbst
aus der Schweiz und aus Polen zum Wiedersehen an.
©
Dewezet, 18.05.1998
Büffeln – und kaum Bücher: Wie die Hamelner fürs
Leben lernten
Von
Thomas Wünsche
Hameln.
Als Rektor Adolf Prahm im Winter ’49 vor die Zöglinge der „Knaben- und Mädchen-Mittelschule“
an der Lohstraße tritt, ist er froh darüber, dass die Hamelner Penne, seit
Kriegsbeginn Wehrmachtslazarett, aus dem Schlimmsten raus ist: nämlich aus den
zwei zugigen Holzbaracken in der Hugenottenstraße, in denen die Mädels seit
’43 – bisweilen mit aufgespanntem Regenschirm – büffeln mussten.
Zwar ist die Raumnot an der Lehranstalt, die seit
September vergangenen Jahres den Namen „Wilhelm-Raabe-Schule“ trägt, noch
immer katastrophal, die Klassenstärke mit 43 Schülern – jeder dritte ein Flüchtlingskind
– alles andere als auf Friedensstand. Und die 700 Unterrichtsstunden, die sein
25köpfiges Kollegium, darunter zehn Flüchtlingslehrer, gehalten hat, stellen
nicht mal 78 Prozent des Solls.
Aber: Es gibt wieder Schulbücher und -Hefte.
Wenige zwar und auf schlechtem Papier, doch immerhin. Drei Jahre zuvor war das
alles noch anders. Da hatte Major Lynden-Bell, der britische Stadtkommandant,
die „alten“ Schwarten im Zuge der Entnazifizierung einziehen lassen;
Geschichtsunterricht war fortan verdächtig – und verboten. Was Prahm jetzt,
im Winter ’49, noch nicht weiß: Bereits im kommenden Frühjahr, Ostern ’50,
werden die Raabe-Eltern – mit dem „ok“ von Rat und Regierung – auf
eigene Rechnung sechs Zusatz-Lehrkräfte mit Privatdienstvertrag einstellen.
Dann nämlich wird sich die Zahl derjenigen Schüler, die zwar mit Erfolg am
Probeunterricht teilgenommen haben, aber wegen der Kosten für zusätzliche
Lehrer von der Stadt nicht beschult werden können, auf zwei Klassenstärken mit
zusammen 76 Kindern summiert haben.
Nachdenklich tritt Prahm ans Fenster, schaut in den
Schulhof hinab. Dort unten, vor der Turnhalle, standen noch vor einem Jahr
US-Feldküchen, schöpften die Raabe-Schüler anfangs aus einem Viertel Liter Süßmolke
am Tag Energie. Gott sei Dank, denkt Prahm, ist jetzt endlich die Stadtküche an
der Bäckerstraße dazu in der Lage. Das nämlich war sie lange Zeit nicht –
die wenigen Kessel reichten nicht aus, den Riesen-Bedarf zu decken. „Satte“
8000 Portionen täglich, der Kellenschlag zu 15 Pfennigen, mussten erst einmal
zubereitet sein. Einer, der’s genau notiert hat, ist Hamelns Oberstadtdirektor
Georg Wilke. Seine Speise-Statistik ist eine Chronik der Wende zum Besseren:
„4400 Portionen“, notiert der Stadtschreiber im Dezember ’49, „200“ im
Juni ’50. Auch die Preise sinken. Nur noch neun Pfennig müssen Ober- und
Handelschüler, sieben Pfennig Mittelschüler und fünf Pfennig Volksschüler
berappen; Besucher der Hilfsschule zahlen nichts. Und das ist seit März ’48
auch gehaltvoller: Die Molke-Mahlzeit weicht Käsebrötchen, Dampfnudeln mit
Vanillesoße oder Grießbrei mit Marmelade. Das meiste kommt über den „großen
Teich“, ist – wie die Schokolade auch, die ob ihres hohen Tauschwertes unter
Aufsicht der Lehrer verzehrt werden muss – eine Liebesgabe von „Uncle
Sam“. Und dennoch: Die mageren Körper, die die Augen der Amtsärzte zur
Jahreswende ’48/’49 abtasten, sind von Entbehrungen gezeichnet: Von 5200 Schülern,
die in Schlangen vor die Weißkittel treten, ist bei 1800 das Allgemeinbefinden
schlecht; 700 haben chronische Störungen. Und die drücken auf die Psyche. Ein
Zustand, der sich kaum von dem unterscheidet, den Wilke schon im März ’46
beim Oberpräsidenten in Hannover beklagte: „Der Kriegseinsatz der Oberschüler
hat bei ihnen zu Pessimismus, Passivität und Zurückhaltung gegenüber den
Idealen der Demokratie geführt. Die mutwillige Zerstörung von Schulinventar
ist keine Seltenheit.“ Doch auch das wird sich bald, ebenso wie die
Unterrichtsversorgung, bessern. Bereits im März ’49 kehren die letzten, im
Zuge der Entnazifizierung übereilt entlassenen, (Alt-)Lehrer zurück. Dort
treffen sie auf junge Kollegen, die Ausbildungskurse der Militärregierung
durchlaufen haben und die neue Zeit proben: Sie richten Schülermitverwaltungen
ein. Im Rahmen der „Umerziehung“ (Re-Education) sollen autoritäre
Strukturen aufgebrochen werden. Aus der Sicht eines „Zöglings“ sieht Fritz
Koenig die schulische Entwicklung zum Zeitpunkt der Gründung der
Bundesrepublik. 1949 besucht er die 8. Klasse des Schillergymnasiums, wird
demokratisch gewählter Klassensprecher – und bleibt es. König erinnert sich
schmunzelnd an die ersten Bemühungen um aktive Demokratie in seiner Schule: Dem
Leiter des „Schiller“, Oberstudiendirektor Richard Schulz, hatten es die
demokratisch verfassten englischen Schulen angetan. Schulz richtete eine wöchentliche
Versammlung der Klassensprecher im Direktorzimmer ein, wo freimütig über die
Schulentwicklung gesprochen werden konnte. Den in den Pausen aufsichtführenden
Lehrern wurden Schüler der SMV (Schülermitverwaltung) mit Armbinde
beigeordnet. Eine Schülerzeitung entstand, aber schon der Titel „Schule und
Haus“ verdeutlichte, dass eine positive, betuliche Berichterstattung erwartet
wurde.
Der Literaturunterricht lief eher unpolitisch
zwischen Löns und Lagerlöf einerseits und Goethes „Edel sei der Mensch“
andererseits ab; Büchner und Hauptmann beunruhigten nachhaltig.
„Geschichte“ folgte dem chronologischen Schema, Zeitgeschichte blieb außen
vor. Koenig sieht rückblickend autoritäre Züge. Betrat der Lehrer die Klasse,
stand alles zackig auf. Der Lehrer wurde mit „Herr Studienrat“ angeredet. Im
Sportunterricht ließ „Lange“ in Linie antreten, abzählen. In den fünfziger
Jahren marschierten die Schiller-Schüler zum Sportfest in Reih’ und Glied zu
den Sportstätten (Bürgergarten). Koenig: „Ich ging gern zur Schule – die fünf
Prozent eines Jahrgangs, die danach höhere Schulen durchliefen, erfuhren Dinge,
von denen die Gleichaltrigen ausgeschlossen blieben, wenn sie mit 14 Jahren eine
harte Lehre anfingen.“
©
Dewezet, 21.05.1999
Die alte „Penne“ hielt sie jung
Hameln
(ks). Die Vereinigung ehemaliger Mittelschüler der Wilhelm-Raabe-Schule feierte
mit Schülern, Eltern, Mitgliedern des Elternvereins, des Lehrerkollegiums und
zahlreichen Gästen ihr 50. Jubiläum in der Aula der Schule.
Vorsitzender Karl Wald in seiner Begrüßungsrede:
„Im Frühjahr 1950 beschlossen die beiden Ehemaligen Wilhelm Wöhler und Fritz
Rübenack, ältere Ehemalige einzuladen, um Kontakte untereinander zu
pflegen.“ 20 Ehemalige waren damals der Einladung gefolgt. Sie gründeten die
Vereinigung mit dem Ziel, ihrer alten Schule zu helfen. Auch nach 50 Jahren hat
sich diese Zielsetzung nicht geändert, was Schatzmeister Hansjörg Issleib
unter Beweis stellte. Er ließ durch die beiden Schüler Alexander Werner und
Andreas Spieker einen Scheck über 3000 Mark an Schulleiter Günther Hoppe überreichen.
Hoppe bedankte sich: „Ich denke und hoffe, dass die meisten Ehemaligen gute
Erinnerungen an ihre alte Schule haben. Unsererseits wollen wir diese
Verbundenheit mit Leben erfüllen.“ Was die Ehemaligen unter Verbundenheit zu
ihrer Schule verstehen, konnte man dem Vortrag des früheren Raabe-Schülers
Heinrich Keese entnehmen. Dem 82-Jährigen war die Ehre zuteil geworden, einen Rückblick
mit dem Thema „Erinnerungen an meine Schulzeit“ in den Jahren 1928 bis 1934
zu halten: „Ich bin der Schöpfung dankbar, dass ich in meinem Alter in der
mir noch vertrauten Aula über Erinnerungen an meine Schulzeit nachdenken
darf“, sagte er. Nicht nur schulische Leistungen, sondern auch die
finanziellen Verhältnisse des Elternhauses seien damals entscheidend für den
Besuch einer weiterführenden Schule gewesen, denn der Kostenaufwand sei hoch
gewesen, wegen des monatliches Schulgeldes von 12,50 Reichsmark, der Kosten für
Lehrmittel und Fahrtkosten. Keese hatte neben ernsten aber auch humorvolle
Erinnerungen zu bieten. An jedem Montag habe die Woche mit einer Andacht in der
Aula begonnen, die von „Papa Knopf“ gestaltet worden sei. „Teddy Kühne“
habe neben Naturwissenschaften auch Kenntnisse der Botanik vermittelt, und
„Pens Grau“ habe keinen Versuch unterlassen, die Schüler zu Kunstmalern
auszubilden. Der „Kleine Otto“ und der „Große Lawan“ hätten sich vorzüglich
ergänzt, und „Onkel Bräsig“ habe sich größte Mühe gegeben, alle zu
erstklassigen Mathematikern zu machen. Mit Begeisterung hätten die Knaben bei
„Marlies Kotzenberg“ in der modernen Lehrküche für die jungen Damen
Geschirr und Töpfe gespült, und auch die Musikunterrichtsstunden bei
„Hermann to-pa-fe“ seien unvergessliche Erlebnisse. Sätze wie „In den
Jahren meiner Schulzeit habe ich wertvolles Rüstzeug für meinen späteren
Lebensweg erhalten“ zeugen von der Dankbarkeit und Verbundenheit, die Keese
seiner alten Schule entgegenbringt. Das Schulorchester, bestehend aus Schülerinnen
und Schülern der achten, neunten und zehnten Klassen, umrahmte die Feier mit
den Titeln „O, When The Saints …“, „River-Kwai-Marsch“ und „Yesterday“
und stellte hohes Niveau unter Beweis. Sybille Rauch trug Gedanken zu Leben und
Werk Wilhelm Raabes, des Namensgebers der Schule, vor.
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Pyrmonter Nachrichten, 31.05.2000
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