Raabe,
Wilhelm,
Pseudonym
Jacob Corvinus,
(1831-1910), Schriftsteller.
Neben
Theodor Storm war er der bedeutendste Vertreter des poetischen Realismus
innerhalb der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts.
Raabe wurde am 8. September 1831 als Sohn
eines Juristen in Eschershausen nahe Braunschweig
geboren und wuchs in
harmonischen Verhältnissen auf. 1849 begann er eine Buchhändlerlehre in
Magdeburg. Nach 1854 besuchte er philosophische Vorlesungen der Universität
Berlin und begann zu schreiben. Schon sein erster Roman Die Chronik der
Sperlingsgasse (1857) wurde ein großer Erfolg, ebenso wie Der
Hungerpastor (3 Bde., 1864). Hier bereits zeigte sich Raabes Vermögen
einer plastischen Realitätsschilderung, wobei grotesk-verfremdende und
irrationale Momente wie Traumdarstellungen und eine Betonung schöpferischer
Einbildungskraft eine entscheidende Rolle spielten. Auch in der Wahl des
Personals – nicht selten wurden
verschrobene Sonderlinge und Außenseiter positiv gegen die Spießigkeit des bürgerlichen
Philistertums abgehoben – waren die Gesellschafts- bzw. Gegenwartsromane
von Charles Dickens und William Makepeace Thackeray Vorbilder. Die Chronik
der Sperlingsgasse und Der Hungerpastor sicherten ihrem Verfasser
ein Auskommen als freier Schriftsteller. Von 1862 bis 1870 lebte Raabe in
Stuttgart. Hier entstanden zahlreiche Prosatexte, darunter Abu Telfan oder
Die Heimkehr vom Mondgebirge (1868) und Der Regenbogen. Sieben Erzählungen
(1869).
Nach der Mobilmachung zum deutsch-französischen
Krieg 1870 zog Raabe aus politischen Gründen – er war Anhänger Bismarcks
– zurück nach Braunschweig, wo er mehr als 30 Romane schrieb. Ein Teil verbarg seine politischen Positionen nicht. In einigen
wandte er sich gegen die Ideologie des
Materialismus (Zum wilden Mann, 1874) und wies vom idealistischen
Standpunkt in der Nachfolge Hegels und Feuerbachs sowie im Umfeld des Jungen
Deutschland auf die Folgen der aufkommenden Industrialisierung hin (Pfisters
Mühle, 1884, Im alten Eisen, 1887). Dabei wichen der
heiter-poetische Ton und die bisweilen zur Beschaulichkeit neigende Idyllik früherer
Werke immer mehr einer von der Lektüre Arthur Schopenhauers herrührenden düster-pessimistischen
Weltsicht, wobei humoristische Elemente immer wieder den resignativen Tenor
kaschierten. In der Nachfolge Jean Pauls folgte Sozialkritik im Roman den
Mustern eines humanistischen Ideals. Bei seinem verhaltenen Experiment mit der
Erzählform wirkte die Rezeption von Laurence Sterne nach.
1891
kam mit Stopfkuchen ein humoristisches Meisterwerk Raabes heraus. Im
selben Jahr verliehen die Universitäten von Tübingen und Göttingen dem
Autor die Ehrendoktorwürde. 1899 erschien mit dem Roman Hastenbeck der
letzte Roman Raabes; bis zu seinem Tod am 15. November 1910 in
Braunschweig führte er eine materiell abgesicherte Existenz. Weitere Werke
sind die Romane Ein Frühling (1857), Die Kinder von Finkenrode
(1859), Die Leute aus dem Walde (3 Bde., 1863), Drei Federn
(1865), Der Schüdderump (3 Tle., 1870), Alte Nester
(Erstabdruck in Westermanns Monatshefte 1879), Unruhige Gäste (1886), Die
Akten des Vogelsangs (1896) und Altershausen (Fragment, posthum
1911) sowie die Erzählungen Die schwarze Galeere (1861), Unseres
Herrgotts Canzlei (2 Bde., 1862), Der Regenbogen (2 Bde.,
1869), Der Dräumling (1872), Meister Autor oder Die Geschichten vom
versunkenen Garten (1874), Horacker (1876), Krähenfelder
Geschichten (3 Bde., 1879), Das Horn von Wanza (1881), Prinzessin
Fisch (1883) und Das Odfeld (1889). Darüber hinaus entstanden
lyrische Gedichte.