1. Unterricht - Lernen muss wieder Spaß machen!Vierzigtausend Schulen, mehr als 600.000 Lehrer und fast zehn Millionen Schüler
- das deutsche Schulsystem ist ein Riesentanker, dessen Kurs sich nur langsam
umsteuern lässt. Schnell verändern lässt sich dagegen seine kleinste und
wichtigste Einheit: der Unterricht. Dazu braucht es einen Perspektivenwechsel
- der Lehrer rückt von der Tafel in die Mitte des Klassenzimmers. Er wird vom
Allwissenden zum "Entwicklungshelfer", der seine Schüler forschen
und formulieren lässt. Solch eigenständig erarbeitetes Wissen, sagen
Hirnforscher, beflügelt die Lernlust und bleibt besser im Gedächtnis haften.
2. Atmosphäre - mehr Respekt, bitte!"In Deutschland braucht es eine grundsätzlich andere Einstellung zum
Lernen", sagt Rainer Domisch, deutscher Bildungsexperte in Finnland.
"Lehrer sind kein verlängerter Arm der Kultusbehörde, die Noten
vollstrecken, sie sind in erster Linie jedem einzelnen Kind verantwortlich,
das sie nach Kräften fördern und nicht einfach an eine andere Schulart
abschieben können." Demütigende Kommentare wie "Du hast die
Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen" verbieten sich. Schüler müssen
spüren, dass die Schule ihre Arbeit ernst nimmt. Gut fürs Selbstbewusstsein
und Klima: ein "Klassenrat", in dem die Kinder Pläne und Probleme
besprechen. Dabei lernen auch die Schüchternen, wie man sich Gehör
verschafft.
3. Verantwortung - mehr Freiheit für die Schulen!Jahrzehntelang hingen die Schulen am Gängelband der Schulbürokraten.
"Die Zukunft der Schule aber", so Rainer Domisch, "entscheidet
selbst über ihr pädagogisches Profil, welche Lehrer sie einstellt oder wie
sie ihr Geld einsetzt. Eine Schulinspektion sei überflüssig. Die Schule muss
ihre Bildungsleistung in Vergleichstests rechtfertigen."
4. Lehrerzimmer - Teamarbeit statt Bunkermentalität!"Lehrer nutzen die Potenziale ihres Kollegiums zu wenig", beobachtet
Manfred Prenzel, Leiter der nächsten Pisa-Studie, die Mathematik als
Schwerpunkt hat. "Sie sehen sich als Einzelkämpfer, stehen manchmal
sogar in Konkurrenz zueinander." Dringend erforderlich ist Teamarbeit,
aber auch eine engere Zusammenarbeit der weiterführenden Schulen mit den
Grundschulen. Was nützen die besten Methoden selbstständigen Arbeitens in
der Grundschule, wenn das Gymnasium weiter auf Frontalunterricht setzt?
5. Ausbildung - neue Lehrer braucht das Land!"Wir brauchen keine Mathelehrer, sondern Lehrer, die Kindern Mathematik
beibringen", sagt Gabriele Haug-Schnabel, Verhaltensbiologin aus
Freiburg. Künftige Lehrer müssen an der Hochschule mehr über die
Lernprozesse ihrer Schüler erfahren, aber auch, wie man auf Lernstörungen,
auf das einzelne Kind und sein individuelles Tempo eingeht.
6. Zensuren - eine Sechs fürs Notensystem!Noten sind ungerecht - was Schüler schon immer beklagen, belegte die
Pisa-Studie. Für dieselbe Leistung erhielt ein Gymnasiast in einem Fall eine
Zwei, im anderen eine Fünf, weil sich die Lehrer am Niveau der Klasse
orientierten. Nötig sind bundesweit einheitliche Tests und eine Erweiterung
des Notensystems, etwa durch ausführliche Beschreibung der Lernfortschritte
und Schüler-Portfolios.
7. Eltern - mitmachen statt meckern!"Erziehung und Bildung sind nicht zu trennen", sagt Elke Picker,
Vorsitzende des Landeselternbeirats in Baden-Württemberg. Noch gibt es an
vielen Schulen zu wenig Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. Ein guter
Einstieg sind Elternabende, die sich mit wichtigen Erziehungsthemen beschäftigen.
Beispielsweise: "Wie helfe ich meinem Kind beim Lernen?" oder
"Was tun bei Mobbing?"
8. Zukunft - eine Schule für alle?"Das dreigliedrige Schulsystem macht es zu einfach, Verantwortung
abzuschieben", kritisiert Andreas Schleicher, Pisa-Koordinator der OECD.
Viele Experten fordern, die Grundschulzeit auf sechs oder sogar neun Jahre zu
verlängern. Doch das allein reiche nicht. "Was fehlt," so
Schleicher, "ist eine klare Vorstellung, wie das Schulsystem in 20 Jahren
aussehen soll. Ohne diese Vision bleibt alles andere Stückwerk."
Meldung vom 16. April 2003